20 Jahre Tonkünstlerverband Sachsen-Anhalt
20. Tonkünstlerfest
200. Geburtstag von Franz Liszt
„Das Neue fördern, wo immer es sich regt“ (Liszt)
Von Bettina Höft
Ein feierliches Ambiente bot der Gartensaal des Gesellschaftshauses Magdeburg für die Jubiläumsgesellschaft. Zwei feiernswürdige Jubiläen, denn nicht nur das Liszt-Jubiläumsjahr mit Hunderten von Veranstaltungen erreichte seinen diesjährigen Höhepunkt, auch der Landesverband Sachsen-Anhalt des Deutschen Tonkünstlerverbandes konnte auf 20 erfolgreiche Jahre zurückblicken.
Zu Beginn stand diesmal nicht der Dirigent auf der Bühne, Grußworte der anwesenden Persönlichkeiten eröffneten der Abend und betonten dann auch entsprechend den großen Anlass. Frau Dr. Sigrid Hansen, Vorsitzende des DTVK Sachsen-Anhalt, verwies mit den Worten Liszts „Wenn das Neue nicht irgendwo und irgendwie ausprobiert wird, wo haben wir dann die Chancen, es kennen zu lernen …“ auf die diesjährige Leitlinie des Tonkünstlerfestes. Ihr Dank galt allen beteiligten Förderern, Kooperationspartnern, Interpreten, Helfern und Mitwirkenden, ohne die das Programm für 2011, die gekonnte Aufhebung der Grenzen zwischen sogenannter „E-Musik“ und „U-Musik“, zwischen Tradition und Innovation nicht so erfolgreich stattgefunden hätte.
Dem konnte sich der Vertreter des Kultusministers des Landes Sachsen-Anhalt nur anschließen und betonen, die bestehende längjährige Schirmherrschaft als gute Tradition fortführen zu wollen, denn eine herausragende Arbeit des Tonkünstlerverbandes ist die Förderung des musikalischen Nachwuchses, die (ebenso wie im Sport) eine breite Plattform benötigt.
Dr. Dirk Hewig, Präsident des Deutschen Tonkünstlerverbandes, dem ältesten und größten Berufsverband für Musiker (Gründung: 1847) und mit rund 7.500 Mitgliedern in 16 Landesverbänden organisiert, würdigte dann auch nicht nur die umfangreiche Telemann-Arbeit, sondern auch die Gründung des Tonkünstlerverbandes 1991 in Sachsen-Anhalt, als erstem Verband in den neuen Ländern.
Von allen Grußrednern gingen der Dank und die Anerkennung für die geleistete Arbeit von Frau Dr. Sigrid Hansen aus, verbunden mit den Wünschen auf weitere große Erfolge und als Schlussredner konnte sich Oberbürgermeister Lutz Trümper seinen Vorrednern nur anschließen. Eine Brücke schlug er mit Liszts Worten „ …ohne Phantasie keine Kunst…“ so auch „ ohne Phantasie keine Politik“, was die Bereitstellung von dringend benötigten Geldern immer wieder betrifft.
Dann aber betritt mit Generalmusikdirektor Christian Simonis endlich der Dirigent die Bühne und die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie eröffnet mit der „Cameriada II op.28“ von Peter Petkow (*1950) das Jubiläumskonzert. Der Bulgare Peter Petkow, der seit 1990 in Deutschland wirkt und natürlich unter den Gästen weilte, konnte die wunderbare Umsetzung seiner „zeitgenössischen“ Musik genauso wie das interessierte Publikum genießen. Diese leisen und intimen Klänge, in Gegenüberstellung der Klanggruppen eines Orchesters, darum der Name „Cameriada“, waren keine ungewohnten Klänge und die Namen der einzelnen Sätze - Choral, Psalm (Andante sostenuto) und Toccata (Vivo) – auch nicht.
„Der Ansatz, Musik mit Worten zu erklären“ so Peter Petkow, „ist mühselig, schwierig, fast unmöglich und ich behandele Musik als emotionale Sprache“. Diese Emotionen waren fast fühlbar - untereinander sehr gegensätzlich und allesamt zum Zuhören animierend. So beginnt der Choral getragen-spannend, Dramatik andeutend, um dann „plötzlich“ der 1. Violine das Spiel lyrisch-melodisch zu überlassen bevor sich die Pauken einmischen. Diese Kontrastierungen tauchen immer wieder in abgewandelter Form auf und machen wohl einen guten Teil der Spannung aus, die durch zu erwartende Wendungen erzeugt wird. So erklingen im Psalm plötzlich einzelne Töne eines Xylophons, wenn die Bläser von den Violinen die Melodieführung übernehmen oder bevor der 2. Satz in einem doppelten Paukenwirbel verhallt. Das Vivo der Toccata beginnt viel rhythmischer, Streicher und Bläser führen melodische Dialoge, es scheint, als erklängen Fanfaren. Nach einem beruhigenden Part der Streicher, der wie ein besänftigendes Zwischenspiel klingt, endet die „Cameriada“ aus einem dramatischen Tutti auf einem einzigen Ton – Stille – großer Applaus.
Peter Petkow kann sich auf seine Zeitgenossen verlassen, das Urteil der Öffentlichkeit war überaus positiv.
Bei Franz Liszt wird man schon beim Lesen des Werktitels „Von der Wiege bis zum Grabe - Symphonische Dichtung Nr.13“ melancholisch, da weiß die Öffentlichkeit was gespielt wird. Wenn dann noch die Umsetzung durch die Mitteldeutsche Kammerphilharmonie so grandios erfolgt, sind alle musikalischen Mittel, eine Verbindung der Musik mit der Dichtkunst zu schaffen, ausgeschöpft. Diese letzte Sinfonische Dichtung komponierte er mit einer Weisheit des Alters und die Zeiten der „irrenden Kritiker“ waren lange vorbei.
Die drei Teile des Stückes, der „processus“ der Sinfonie, vergleichen den menschlichen Lebenslauf bis zum Ziel - ein positives Ende - das Grab - die Wiege des künftigen Lebens, dieses wurde auch sehr ausdrucksstark, wie ein finaler Triumph, gespielt.
Der Satz „Wiege“, ausgedrückt durch zarte, rührende Dreiklänge, lediglich mit Streichern und Flöten und der Satz „Kampf ums Dasein“, hier sehr schön die Heftigkeit und höchste Intensität bis zum abschließenden einsamen pianissimo-Ton, weckten beim Zuhörer Bilder einer unbekannten Übergangsstimmung.
Nach Peter Petkow, der ab 1992 in Magdeburg am Institut für Musik-und Kunsterziehung der Pädagogischen Hochschule und später am Institut für Musik an der Otto-von-Guericke-Universität tätig war und jetzt als freischaffender Komponist, Chorleiter und Pädagoge in Magdeburg wirkt, standen nach der Pause „Zwei Stücke für Violine und Orchester op.49“ eines weiteren Künstlers auf dem Programm, dessen Wirkungsstätte Magdeburg war.
Gustav Rebling (1821-1902) bestimmte als Dirigent, Organist und Komponist durch eine gewisse Autorität die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Magdeburger Musikszene mit.
1856 zum Königlichen Musikdirektor und 1896 zum Professor ernannt, engagierte er sich u.a. im Magdeburger Tonkünstler-Verein und hier schließt sich auch ein Kreis – war Mitbegründer und Vorstandsmitglied des von Liszt 1861 in Weimar initiierten Allgemeinen Deutschen Musikvereins, des ersten Berufsverbandes der Tonkünstler.
Seine Romanze in G-Dur und die Ballade in d-Moll, lyrisch-romantisch umgesetzt von der virtuosen Violinistin Elisabeth Gebhardt und in wunderbarem Zusammenspiel mit dem Orchester, ließen die Zuhörer in einfach schöner Musik schwelgen.
Es waren nicht die Klingeln eines Franz, sondern „Zwei Liszt-Paraphrasen für Orchester und elektroakustisches Zuspiel“ mit dem Namen „KlingelFranz“ die die „Jungen Meister“ einläutete. Thomas Buchholz(*1961) komponierte explizit für den Tonkünstlerverband seinen „KlingelFranz“ 2011.
Er leuchtete nicht nur die berühmten Stücke von Liszt musikalisch neu aus, er packte die Noten herzhaft an, versuchte die Gesten der Vorlagen zu deuten und schuf diese Aufhebung der Grenzen zwischen sogenannter „E-Musik“ und „U-Musik“ und zwischen Tradition und Innovation. Gemäß der Aufforderung, das „Neue zu fördern“, setzte der Hallenser Thomas Buchholz auch sehr Aspekt- und Formenreich seine Ideen um, wenn diabolisch im Mephisto-Walzer die Streicher mit Stakkato-Schritten zum armen Sünder schreiten, um ihn in die Hölle zu holen. Auch von der Etüde nach Paganini „La campanella“ blieben nur die „Glöckchen“ über, der Rest war „Klingel-Thomas“, oder auch nicht, denn im Gegensatz zu Franz Liszt, dem sein „zeitweise substanzloses Geklingel“ von Kritikern den Namen „KlingelFranz“ einbrachte, erblickte das Stück nicht unter vernichtenden Umständen das Licht der Öffentlichkeit.
Eine ganz besondere Ästhetik schaffte Curt Dachwitz (*1931) mit der „Sinfonietta op.44 im Stil eines Concerto grosso“. Fast immer in Magdeburg tätig beeinflussten ihn Komponisten des Impressionismus, wie Debussy und Ravel, die russische Schule und natürlich ganz besonders die „Jazz-Klassiker“, wie Dave Brubeck, Keith Jarrett, Quincy Jones u.a. Die Sinfonietta wurde nicht nur eine gelungene Kombination und Komposition von E-und U-Musik (auch wenn die Methode gebrochen wurde), sondern das Wesen der Tonkunst wurde so erquickend umgesetzt, dass der Zuhörer ein subjektives Gefühl für den poetischen Spaziergang des Stückes erfuhr. Nicht die bekannte Verbindung von Rockmusik und sinfonischen Orchestern zur Vermischung der beiden Stilrichtungen, sondern eine „klassisch weiterentwickelte Form“ wurde versucht und exzellent umgesetzt.
Die drei Sätze zeichnen sich durch eine wiederholte Abfolge von Orchesterteil und Solo-Konzert, von Zepter-Übergabe und Ball-Zuspiel aus. Die Solisten, Oliver Voigt (Klavier), Warnfried Altmann (Saxophon) und Joachim Schulz (Kontrabass) wirbelten, mal stimmten sie an, mal quälte sich gekonnt das Saxophon gerade bis zur Übernahme des Orchesters. Wie ein Fliehen und Erreichen, eine kontrastierende Beziehung in sich reizvoller Klänge.
Der dritte Satz „ Tarantella“ fordert geradezu alles ab, wegen der Schnelligkeit und des nötigen Einsatzes und grandios nehmen alle das Thema auf, um getragen ein gemeinsames Ende zu zelebrieren.
„Das Neue fördern, wo immer es sich regt“ - von Liszt angeregt, vom Tonkünstlerverband bis in dieses Jubiläumsjahr und –Konzert umgesetzt, vom Publikum erfreut aufgenommen.
Auch das schöpferische Ringen der Komponisten wurde vermittelt, dass nicht erst Generationen später ein Erfolg eintritt, so wie es Einige der ganz großen Tonkünstler der Vergangenheit erleben mussten.
Freitag, 25.11. - 19:30 Gesellschaftshaus Magdeburg Gartensaal
FESTLICHES JUBILÄUMSKONZERT
Franz Liszt, Gustav Rebling, Peter Petkow UA, Thomas Buchholz UA, Curt Dachwitz UA
Solisten: Elisabeth Gebhardt - Violine, Oliver Vogt - Klavier, Warnfried Altmann - Saxophon, Joachim Schulz - Kontrabass
Mitteldeutsche Kammerphilharmonie
Leitung: GMD Christian Simonis
Veranstaltung in Kooperation mit dem Gesellschaftshaus Magdeburg
Eintritt 6,-/ erm.4,-€
Peter Petkow UA,
Thomas Buchholz UA,
Curt Dachwitz UA













