Klassik-Anrechtskonzert in Schönebeck

Was Tonkünstler hier an der Elbe für ein Glück haben
Von Hans-Peter Lippert


Schönebeck. Dieses Novemberkonzert der Anrechtsreihe Klassik der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie Schönebeck war als Festkonzert zum 20-jährigen Bestehen des Landesverbandes Sachsen-Anhalt des Deutschen Tonkünstlerverbandes (DTKV) angekündigt. Nicht nur deshalb stand mit der Uraufführung der Cameriada II op. 28 von Peter Petkow zeitgenössische Musik im Programm. Christian Simonis, der Künstlerischer Leiter und Chefdirigent der Kammerphilharmonie seit Mitte 2005, hat bereits mehrfach Werke einheimischer Tonkünstler einstudiert und aufgeführt. Das gibt es in dieser Form in keinem anderen deutschen Bundesland und kann eigentlich nicht „mit Gold aufgewogen werden“. Entsprechend glücklich Frau Dr. Sigrid Hansen, die Vorsitzende des hiesigen Landesverbandes des DTKV, der noch in diesem Monat in Magdeburg, Bernburg und Dessau sein 20. Tonkünstlerfest veranstalten wird. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang auch, dass der große Jubilar dieses Jahres 2011, Franz Liszt, zu den glühenden Verfechtern der Idee eines Deutschen Verbandes der Tonkünstler gehörte und den ersten gesamtdeutschen mitbegründete. >>> http://www.dtkv-sachsen-anhalt.de

Doch zurück zum Tonkünstler des gestrigen Abends, dem Bulgaren Peter Petkow, der seit 1980 in Deutschland wirkt und zur Uraufführung seiner Cameriada II natürlich im Dr.-Tolberg-Saal dabei war. Was er und das ganze Publikum zu hören bekamen, war sehr beeindruckend und für viele der Anwesenden sicher unerwartet, spukt doch in vielen Köpfen immer noch eine Assoziation zwischen „Zeitgenössischer Musik“ und Atonalem/Abstrakten. Vielleicht ist das Schönebecker Publikum aber, Dank eines Christian Simonis (siehe oben), auch schon viel weiter. Zudem versprachen schon die Satzbezeichnungen „Choral, Psalm (Andante sostenuto) und Toccata (Vivo) eine, den Hörgewohnheiten eher entsprechende, Musik. Jedenfalls klang richtige Ton-Kunst durch den Saal, die Musiker meisterten das (nicht leicht zu verstehende Werk – P.P.) unter der Leitung von Christian Simonis mit Bravour - so auch der Komponist begeistert. Die drei Sätze sind voller musikalischer Raffinessen, untereinander sehr gegensätzlich und allesamt spannend. So beginnt der Choral getragen-spannend, Dramatik andeutend, um dann „plötzlich“ der 1. Violine das Spiel lyrisch-melodisch zu überlassen bevor sich die Pauken einmischen. Diese Kontrastierungen tauchen immer wieder in abgewandelter Form auf und machen wohl einen guten Teil der Spannung aus, die durch zu erwartende Wendungen erzeugt wird. So erklingen im Psalm plötzlich einzelne Töne eines Glockenspiels (oder Xylophons?), etwa wenn die Bläser von den Violinen die Melodieführung übernehmen oder bevor der 2. Satz in einem doppelten Paukenwirbel verhallt. Das Vivo der Toccata beginnt viel rhythmischer, Streicher und Bläser führen melodische Dialoge, es scheint, als erklängen Fanfaren. Nach einem beruhigenden Part der Streicher, der wie ein besänftigendes Zwischenspiel klingt, endet die Cameriada aus einem dramatischen Tutti auf einem einzigen Ton. Die Zuhörer feiern den Komponisten – und die Musiker des Orchesters mit ihrem Dirigenten.

Es folgt, noch vor der Pause, Mozarts Konzert für Klavier und Orchester Nr. 24 in c-Moll, KV 491 von 1786. Am Soloinstrument Irina Lackmann, die hier zwar keine Unbekannte mehr ist (Man erinnere sich an das Eröffnungskonzert des diesjährigen Musikfestes „Klänge im Raum“.), als Solistin/Pianistin aber erstmals in Schönebeck zu hören war. Die aus Sibirien stammende Musikerin, die 1999 in St. Petersburg am Rimski-Korsakow-Konservatorium ihr Studium mit Auszeichnung abschloss, ist hier in Deutschland seit 1999 vorwiegend als Klavierpädagogin tätig. Ihre russische Schule hat die Pianistin nicht verlernt, sicher ihr Spiel in den perlenden Läufen der rechten Hand, dann kraftvoll sich behauptend „gegen“ das Orchester. Nachdem der erste Satz wie gehaucht geendet hat, gibt das Klavier im Larghetto dem Orchester das Motiv vor, diesmal in Es-Dur (der parallelen Dur-Tonart zum c-Moll). Bemerkenswert in den Dialogen des Klaviers mit den Bläsern und schön hörbar ist der Einsatz von zwei Klarinetten, die Mozart für dieses „Wiener Konzert“ vorgeschrieben hat. Das setzt sich auch im dritten Satz, dem Alegretto, fort. Nach furiosem Einstieg der Streicher im 6/8-Takt, rhythmisch betont und mit weiten Melodienbögen zum Thema, antwortet das Klavier, schier endlose Tonfolgen verbreiten eine heitere optimistische Stimmung. Zwischen kraftvollem dramatischen Klang des Orchesters, dem sich die Klarinetten zart widersetzen, eine gekonnt gespielte, virtuose Passage für die Pianistin, die am Ende auch zum Finale führt. Ein gelungenes Schönebecker Konzertdebüt, dass wohl auf ein Wiedersehen und –hören hoffen lässt.

Nach der Pause, die mit angeregten Gesprächen über die beiden gehörten Stücke angefüllt war, erklang Felix Mendelssohn Bartoldys „Reformations-Sinfonie“ (die Sinfonie Nr. 5 in d-Moll op. 107). Der Komponist hatte sie mit viel Elan und Enthusiasmus begonnen und sogar fertig gestellt, 1832 überarbeitet, letztlich aber zurückgezogen. Sie gehörte fortan (aufgrund unglücklicher äußerer Umstände) zu seinen ungeliebten Kindern und erlangte erst nach seinem Tod Berühmtheit. Gewidmet war die Sinfonie von Anfang an dem Auftreten Luthers vor dem Augsburger Reichstag anno 1530. Der Finalsatz ist geprägt durch das Bachsche „Ein feste Burg ist unser Gott“ – Bekenntnis und Tonkunst zugleich.
Die vier Sätze der Sinfonie beginnen im Andante mit den tiefen Streichern und Trompetenstößen, leiten später mit einem fugatoartig gearbeiteten „Dresdener Amen“ (eine Sequenz aus den Messen an der Dresdner Hofkirche, die seinerzeit große Beliebtheit erlangte und von zahlreichen Komponisten verwendet wurde, so in Wagners „Parsifal“ als Grals-Leitmotiv, aber auch im „Tannhäuser“, ebenso bei Mahler und Bruckner. Auch Doldinger verwendet das Motiv in seiner Filmmusik zu „Das Boot“.) zum zweiten Teil des ersten Satzes (Allegro con fuoco) über und verwenden es noch zwei Mal im leidenschaftlichen schnellen Teil. Heiter-fröhlichen Charakter hat der zweite Satz, ein Scherzo, der zunächst wie ein Tanzlied der Bläser daherkommt, während der dritte Satz schon rezitativisch zum großen Schlusssatz überleitet. In ihm haben die Streicher die dominante Rolle zu spielen, sie klagen sehnsuchtsvoll, die Flöte und die anderen Bläser schwelgen mit ihnen. Die Flöten sind es dann auch, die das Choralthema für den Finalsatz vorgeben. Das entwickelt sich, wie ein wahres Gloria klingend und mit Paukenwirbel, zu einem grandiosen Finale der Sinfonie und dieses ganzen Konzertes.

http://www.mitteldeutsche-kammerphilharmonie.de

Anrechtsreihe KLASSIK - Konzert # 2
2. Freitag, 4. November 2011, 19.30 Uhr
In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Tonkünstlerverband Landesverband Sachsen-Anhalt anlässlich seines 20-jährigen Bestehens
FESTKONZERT

Peter Petkow
Cameriada II op. 28 – Uraufführung
Wolfgang Amadeus Mozart
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 24 c-Moll KV 491
Felix Mendelssohn Bartholdy
Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Sinfonie“

Solistin: Irina LACKMANN, Klavier
Dirigent: Christian SIMONIS

http://www.mitteldeutsche-kammerphilharmonie.de/