Tonkunst par excellence
Tonkunst par excellence – Außergewöhnliche Klänge im
3. Sinfoniekonzert 2011/2012 der Magdeburgischen Philharmonie im Opernhaus Magdeburg
Von Hans-Peter Lippert
Zum Finale des IMPULS-Festivals für Neue Musik und als Auftaktkonzert des 20. Tonkünstlerfestes in Magdeburg erlebte das Publikum ein Sinfoniekonzert voller Überraschungen und Höhepunkte. Deshalb wäre es nicht ganz fair, gleich von der „ungeheuren Leichtigkeit des Klavierspielens“ eines Luca Buratto zu schwärmen, der mit seiner Interpretation von Franz Liszt’ Klavierkonzert Nr. 1 in Es-Dur das Publikum verzauberte. Die Magdeburgische Philharmonie, bei diesen Sinfoniekonzerten (Donnerstag und Freitag, 17./18.11.2011) unter der Stabführung der englischen Dirigentin Catherine Larsen-Maguire (die auch als Solo-Fagottistin im Orchester der Komischen Oper Berlin unter Vertrag ist), spielte zum Auftakt die Sinfonische Dichtung „Mazeppa“ von Franz Liszt, von dem großen Tonkünstler, dessen 200. Geburtstag dieses Konzertjahr geprägt hat und prägt. „Mazeppa“ (nach der Dichtung Victor Hugos über den ukrainischen Freiheitshelden benannt) freilich war zu Lebzeiten des Komponisten in der Klavierfassung beliebt und akzeptiert, als Orchesterwerk aber aus den verschiedensten Gründen angefeindet. „Jeder Mensch mit gesunden Sinnen wird sich von dem dissonierenden Geheul, das einen so wesentlichen Teil der Mazeppa-Symphonie bildet, abwenden.“, so der zeitgenössische Musikkritiker Eduard Hanslick.
Es ist ein Werk, das höchste Anforderungen an das Orchester, insbesondere an die Streicher stellt, die endlos lange in hohem Tempo dahinhuschende Figuren zu spielen haben. Die gelegentlichen Unterbrechungen und die Einsätze der Blechbläser sind sehr effektvoll und betonen den Eindruck einer wilden Hetzjagd – Er eilt mit Windeshast ... und führen letztlich in ein großes „kreisendes“ Finale.
http://poetes.com/hugo/mazeppa.htm und
http://www.youtube.com/watch?v=QCGRKhxQCzM
Catherine Larsen-Maguire
Klaus-Dieter Kopf (Jahrgang 1941 und in Magdeburg zu Hause) hat seiner neuesten Komposition „Winde und Wolken“ (deren Uraufführung im Sinfoniekonzert zu hören war) den Untertitel „Hommage an F.L.“ gegeben.
Kopf, der gelernter Kontrabassist (seit 1962), Mitbegründer der Komponistenklasse am Konservatorium (1983) und Streiter für zeitgenössische Musik und Kunst überhaupt ist, komponiert seit 1964, ist seit 1978 freischaffend. Für sein „Magdeburger Oratorium“ erhielt er bereits 1978 den Kunstpreis des Bezirkes Magdeburg. „Zeitgenössische Musik im Gespräch“ und „Kunst im Funkhaus“ waren von ihm initiierte Reihen, aktiv wirkt er im Tonkünstlerverband, zahlreiche seiner Stücke sind uraufgeführt.
Nun also „Winde und Wolken“, 4 Sätze für großes Orchester. Wechselnde Rhythmen, Skalen aus kleiner Sekunde und kleiner Terz bestehend, bilden die Grundlagen der viersätzigen Komposition. Nicht alles eines Werkes kann sich beim ersten Hören erschließen, nicht jede Anspielung und jedes Zitat kann oder muss man auf Anhieb erkennen und deuten. Die Satzbezeichnungen können dabei Hilfestellung geben: „Urbilder“ – „Überschwang“ – „Unrast“ und „Aus bodenloser Tiefe bis über die Wolken“. Hilfreich scheint auch, die oder einige der sinfonischen Dichtungen von „F.L.“ zu kennen. Die kompositorische Palette und der Einsatz der Instrumente in „Winde und Wolken“ ist zwar sehr bunt und kontrastreich, führt aber letztlich doch zu der vom Komponisten angestrebten „polyphonen Harmonie“. Unter dem Kontext des Titels der Komposition sind selbst die diskanten Passagen der Streicher oder Flöten verständlich. Aus einem „Konzert“ der Holzbläser, der Posaunen und der Tuba erwächst eine Melodie, die disharmonisch den ersten Satz endet. In „Überschwang“ kämpfen Chaos (Blechbläser) und ordnende Auflösung (Harfen- bzw. zarte Violinenklänge) miteinander bis das Schlagwerk alles zum Ende führt. Der Kenner des Lisztschen Oratoriums „Christus“ wird an einzelne Motive erinnert. Im dritten Satz fällt besonders die Dramatik der Streicher auf, von blitzartigen Tutti unterbrochen. Hier wird auch dem Zuhörer viel Platz für seine eigenen wechselnden Empfindungen eingeräumt. Die Celli beeindrucken im abschließenden 4. Satz zunächst mit düster-dramatischem Klang. Es beginnt ein Streben, in die Höhe zu gelangen, das in Zusammenballung und Auseinanderfließen wechselt und im Solopart des Cellos gipfelt. Das Publikum wird mit seinen Gedanken und seiner Phantasie in die Pause entlassen.
Anbau der Phonola
Derweil findet auf der Bühne ein interessanter Umbau statt, dem Konzertflügel wird eine Phonola (ein selbstspielendes Klavier mit Lochstreifen, das rasante Tonfolgen ungeahnter Schnelligkeit ermöglicht) angebaut, Vorbereitung für Steffen Schleiermachers (geb. 1960) Stück „Heim.Weh.Nach.Liszt“. Offensichtlich dürstet es dem Komponisten ebenso wie Franz Liszt nach Tempo, Schnelligkeit. Eigentlich kann man weder sehen noch auseinanderhören, was hier die Technik zum Klingen bringt und was der Pianist – es ist aber einfach überwältigend, noch nie gehört – unerhört. Das Orchester mit außergewöhnlich verteilten Bläsern hält tapfer dagegen, mal klagend, mal mit zartem Chorus der Streichergruppen, mal mit Trommel und Xylophon … Natürlich setzt das Klavier, für das Liszt nach damaligen Begriffen unspielbare Musik komponiert hatte, augenzwinkernd den Schlussakkord.
Luca Buratto aus Milano (IT)
Der junge Solist, der dann die Bühne betritt, um das Klavierkonzert Nr. 1 in Es-Dur von Franz Liszt zu spielen, kommt aus Italien, heißt Luca Buratto, hat in Milano am dortigen Konservatorium „Guiseppe Verdi“ sein Studium als Pianist mit Auszeichnung abgeschlossen. Was er zeigt entspricht der von Liszt (von Paganini inspiriert) angestrebten allseitigen Verwendung des Klavieres. Meine Notiz zu diesem Vortrag lautet „von der ungeheuren Leichtigkeit des Klavierspiels“! Buratto scheint die Tasten fast nicht zu berühren, förmlich schwebend meistert er mit Bravour alle Schwierigkeiten dieses Lisztschen Konzertes für Klavier und Orchester. Das Konzertpublikum sah das offensichtlich ebenso und ließ sich zu Begeisterungsstürmen hinreißen. Diese ebbten auch durch die beiden Zugaben aus Peter Tschaikowskis „Nussknacker“ (u.a. das Große Pas de Deux in der Klavierfassung) nicht ab. Diesen Namen wird man sich wohl merken müssen, glücklich der, der dieses fantastische Deutschlanddebüt des 19-jährigen Milanesen hören durfte.
Bei aller Schwärmerei für Solisten, Komponisten und Gastdirigentin sollen auch an dieser Stelle die Musiker der Magdeburgischen Philharmonie nicht vergessen werden. Es verdient höchste Anerkennung, mit welcher Bravour dieses Sinfoniekonzert mit seinen so unterschiedlichen (und nicht leichten) Werken gemeistert wurde. Deshalb sollen am Schluss auch die Klarinetten genannt sein, die nicht unwesentlich zum Klangerlebnis Klavierkonzert beigetragen haben.
3. Sinfoniekonzert der Magdeburgischen Philharmonie
„Popstar“ Liszt trifft auf zeitgenössische Sinfonik
Der bekannte und doch große Unbekannte Franz Liszt steht im Mittelpunkt des 3. Sinfoniekonzertes im Rahmen des IMPULS – Festivals für Neue Musik in Sachsen-Anhalt am Donnerstag, 17. 11., und Freitag, 18. 11., jeweils 19.30 Uhr im Opernhaus. Neben Werken Liszts erklingen zeitgenössische Kompositionen, die sich mit Liszt auseinandersetzen. Ein besonderes Konzerterlebnis spielt hierbei der Einsatz eines selten zu hörenden Soloinstrumentes, dem mechanischen Klavier Phonola.
Zum 200. Geburtstag von Franz Liszt dreht sich im 3. Sinfoniekonzert alles um den großen Pianisten, Komponisten, Wagner-Freund, Theaterleiter, Schriftsteller und Salonlöwen, einem „Popstar“ des 19. Jahrhunderts. Zwei seiner Kompositionen werden dabei verbunden mit zeitgenössischen Sichtweisen auf sein Werk. Eröffnet wird das Programm unter der Leitung der Berliner Dirigentin Catherine Larsen-Maguire mit Liszts Sinfonischer Dichtung »Mazeppa« nach einem Gedicht aus Victor Hugos Gedichtsammlung »Orientales« über den ukrainischen Freiheitshelden. Den krönenden Abschluss des Konzertes bildet das 1. Klavierkonzert von Franz Liszt. Solist ist der erst 19-jährige italienische Pianist Luca Buratto, der bereits zahlreiche Preise gewann und zu den begabtesten musikalischen Talenten Italiens gehört.
Einen neuen Blick auf Liszts Werk wirft unter anderem Steffen Schleiermacher, dessen Orchesterwerk „Heim.Weh.Nach.Liszt“ ein äußerst ungewöhnliches Soloinstrument einführt: das mechanische Klavier Phonola. Es wird nicht von einem Pianisten, sondern von einem Lochstreifen aus Papier „bedient“ und kann so Passagen spielen, die von einem Menschen nicht zu bewältigen sind – ein Phänomen, für das in seiner Zeit auch Franz Liszt stand, dessen Werke zum Teil als unspielbar galten. Im Zentrum des Konzertes steht die Uraufführung „Winde und Wolken“ des Magdeburger Komponisten Klaus-Dieter Kopf. Der ehemalige Solokontrabassist der Magdeburgischen Philharmonie verarbeitet in diesem Werk zahlreiche musikalische Bezüge zu Liszt in seiner eigenen Tonsprache und zeigt damit, wie inspirierend dieser wahrhaft europäische Komponist bis heute ist. Beide Komponisten werden beim Konzert anwesend sein.
Franz Liszt „Mazeppa“ – Sinfonische Dichtung
Klaus-Dieter Kopf „Winde und Wolken“
Steffen Schleiermacher „Heim.Weh.Nach.Liszt“ für Phonola und Orchester
Franz Liszt Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 Es-Dur
Luca Buratto – Klavier
Wolfgang Heisig – Phonola
Magdeburgische Philharmonie
Catherine Larsen-Maguire – Dirigentin
Am 17. und. 18. 11. 2011 um 19.30 Uhr im Opernhaus / Bühne
Einblick jeweils um 18.45 Uhr im Opernhaus / Café
In Kooperation mit dem Deutschen Tonkünstlerverband Landesverband Sachsen-Anhalt e. V. und im Rahmen von IMPULS – Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt.













